Wer ist bei euch für KI-Sichtbarkeit zuständig? Das ist die falsche erste Frage.

Es gibt ein Meeting, das ich in größeren Organisationen immer wieder in leicht abgewandelter Form erlebe. Alle im Raum sind sich einig, dass KI-Sichtbarkeit wichtig wird. Niemand widerspricht. Und trotzdem passiert danach monatelang nichts.

Der Grund ist fast nie fehlende Einsicht. Der Grund ist, dass niemand weiß, wer den ersten Schritt machen darf.

SEO sagt, das ist die nächste Stufe unserer Arbeit. Kommunikation sagt, hier geht es um Reputation und Earned Media, also gehört das zu uns. Marketing sitzt sowieso am Budget und beansprucht es damit. Alle drei haben ein Stück weit recht. Und genau darin liegt die Falle. Weil jeder ein bisschen recht hat, entsteht kein klarer Besitzer, sondern ein Graben.

Was viele dabei unterschätzen. Die Frage "wem gehört das" fühlt sich nach Ordnung an. In Wahrheit ist sie eine elegante Art, den Anfang zu vertagen. Solange die Zuständigkeit ungeklärt ist, muss niemand ins Risiko gehen. Die Diskussion ersetzt die Umsetzung, und alle können ehrlich sagen, dass sie am Thema dran sind.

Warum kein Team es allein besitzen kann

Das Vertrackte ist, dass KI-Sichtbarkeit tatsächlich niemandem allein gehört. Ob eine KI dich zitiert, hängt davon ab, was über dich berichtet wird, was du selbst veröffentlichst, wie deine Website technisch aufgebaut ist und wie dein Produkt sich selbst beschreibt. Das sind vier verschiedene Ecken des Unternehmens, und kein einzelnes Team deckt alle ab.

Übergibst du das Thema komplett an ein Team, bleibt zwangsläufig der Teil liegen, den dieses Team von Natur aus nicht sieht. Gibst du es der SEO, kümmert sich keiner um die Earned-Media-Seite. Gibst du es der Kommunikation, bleibt das Technische liegen. Genau in diesen blinden Flecken schlagen dich dann die, die alle Ecken abgedeckt haben.

Was ich in der Praxis sehe

Ich sehe beide Seiten. Bei kleineren, schlank aufgestellten Organisationen gibt es dieses Problem oft gar nicht. Nicht, weil sie klüger sind, sondern weil es schlicht weniger Leute gibt. Verantwortung ist dort fast automatisch geklärt, und man geht direkt ins Tun.

Vor Kurzem hatte ich ein Erstgespräch mit genau so einer Organisation. Kein langes Ringen darum, wer den Hut aufhat. Die Frage war von Anfang an nicht "wer ist zuständig", sondern "wie fangen wir an". Sie wollten direkt ins Setup, ohne Umweg über ein halbes Jahr Rollendiskussion.

Und dann sehe ich die andere Seite. Größere Häuser, mehr Ressourcen, mehr Expertise im Raum, und trotzdem verliert sich ein eigentlich lösbares Thema in der Frage, wer es denn nun anfassen darf. Der Unterschied zwischen den beiden ist nicht das Budget. Es ist die Klarheit darüber, wer treibt.

Warum das kein reines Organisationsthema ist

Das klingt zunächst nach einem internen Strukturthema. Ist es aber nicht nur. Während intern geklärt wird, wer den Lead hat, beantwortet ChatGPT die Fragen deiner Zielgruppe trotzdem. Nur eben mit den Marken, die schon da sind.

Jeder Monat, den die Zuständigkeitsdebatte frisst, ist ein Monat, in dem jemand anderes zur Standardantwort wird. Und einmal etablierte Antworten verschieben sich nur langsam. Wer zuerst zitiert wird, wird tendenziell weiter zitiert. Das ist der eigentliche Preis der Debatte, und er taucht in keinem Protokoll auf.

Was ich vorschlagen würde

Ich würde die Reihenfolge umdrehen. Nicht erst das perfekte Org-Chart, dann die Umsetzung. Sondern erst eine Person, die das Thema treibt, auch wenn ihre Rolle formal noch nicht sauber passt.

Diese Person muss nicht alle vier Ecken selbst bearbeiten. Sie muss nur dafür sorgen, dass keine liegen bleibt und dass überhaupt angefangen wird. Die saubere Struktur darf danach kommen. Sie darf nur nicht die Bedingung für den Start sein.

Die Organisationen, die bei KI-Sichtbarkeit vorne liegen, sind selten die mit dem klügsten Org-Chart. Es sind die, bei denen jemand angefangen hat, bevor sich alle einig waren, wem es gehört.


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Belal Kayumi
GEO & KI-Sichtbarkeit · RLVNT.AI · Dozent Leibniz FH Hannover

Senior Manager für Marketing und Sales bei einer KI-Agentur für Unternehmenskommunikation. Unterrichtet nebenbei Digital Marketing an der Leibniz-Fachhochschule Hannover und dokumentiert sein eigenes GEO-Experiment öffentlich auf LinkedIn.

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